Globalisierungskritikerin Naomi Klein: Kohle frisst Klima auf

Quelle: Spiegel-Online vom 23.03.2015

Globalisierungskritikerin Naomi Klein: Kohle frisst Klima auf

Klimaschutz scheitert am Kapitalismus - zu diesem Fazit kommt Naomi Klein in ihrem Buch "Die Entscheidung", das sie jetzt in Berlin vorstellte. Ihr Appell: Eine Massenbewegung für das Klima könnte die letzte Chance sein, etwas zu verändern.

Berlin - Haben Sie gezögert, auf diesen Artikel zu klicken? Es wäre verständlich. Schließlich lässt das Thema Klima fast immer eine deprimierende Lektüre vermuten. Über schmelzende Polkappen, versinkende Südseeinseln und das fortwährende Versagen internationaler Klimagipfel.

Naomi Klein ging es ähnlich. Die Kanadierin gilt seit ihrem Erstling "No Logo"aus dem Jahr 2000 als linke Vordenkerin eines globalisierten Verantwortungsgefühls. Doch schlechten Klima-Nachrichten ging auch sie lange aus dem Weg. "Ich wechselte den Fernsehkanal, klickte die Seite weg", schreibt Klein in ihrem neuen Buch "Die Entscheidung".

Wenige Monate vor dem möglicherweise entscheidenden Klimagipfel in Paris hat sich die 44-Jährige doch des Themas angenommen - mit eindeutigem Fazit: Der Kampf gegen die Erderwärmung droht zu scheitern, weil er die herrschende Wirtschaftsidelogie in Frage stellt. Das Duell lautet Klein zufolge: "Kapitalismus vs. Klima". Und es werde auch in Berlin ausgefochten, wo sie ihr Buch am Sonntagabend bei einervorstellte.

Deutschlands Versagen

Die These mobilisiert, das zeigte der große Andrang überwiegend junger Zuhörer im Haus der Kulturen der Welt. Aber schließen sich Marktwirtschaft und Klimaschutz wirklich aus? Deutschland versucht derzeit immerhin, mit der Energiewende das Gegenteil zu beweisen. "Ich weiß, dass Ihr hitzig darüber debattiert", sagte Klein dem Publikum in Berlin. Sie lobt in ihrem Buch das deutsche Modell, vor allem den Rückkauf vieler Stromnetze von Kommunen.

Kleins Argumentation ist weniger radikal als es der Buchtitel vermuten lässt. Einmal mehr sieht sie den Gegner im entfesselten Neoliberalismus, Wirtschaftswachstum aber hält Klein nicht prinzipiell für falsch. "Ich möchte den Markt nicht töten", sagte Klein kürzlich dem SPIEGEL, "aber wir brauchen sehr viel mehr Strategie, Steuerung und Planung".

Schon der Ruf nach einem stärkeren Staat ist aber eine Provokation. Denn bislang setzten auch viele Klimaschützer darauf, dass der Markt das Problem mit den richtigen Anreizen schon lösen werde. Dem widerspricht Klein deutlich: Mächtige Energiekonzerne würden ihre klimaschädlichen Tätigkeiten mit allen Mitteln verteidigen. Deshalb müsse man sie ihnen gezielt verbieten - hier habe auch Deutschland versagt.

Schließlich hat die Bundesregierung zwar den Ausstieg aus der Atomkraftbeschlossen, nicht aber den aus der besonders klimaschädlichen Braunkohle. Die einstige Klimakanzlerin Angela Merkel habe sich "dem massiven Einfluss der Kohlelobby" gebeugt, kritisiert Klein. In Berlin rannte sie damit offene Türen ein: Der Aktivist und Wissenschaftler Tadzio Müller rief bei der anschließenden Diskussion zu einer Aktion auf, mit der im Sommer ein Tagebau im Rheinland blockiert werden soll.

Die gesamte Pressemeldung auf den Seiten von Spiegel-Online

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