Leseprobe

Sustainable Impact - Ein globales Endspiel

Thriller von Marc F. Bloom

 

  

Prolog

1. Gegenwart – Flatbush Avenue, Prospect Park (Brooklyn) – 27. Oktober 16:33 Uhr Ortszeit

 

War das der Anfang vom Ende oder die Chance für einen Neuanfang? Richard Hirlinger grübelte seit seiner Abfahrt in Manhattan unentwegt über diese Frage. Die schmale Treppe von der U-Bahn-Station hinauf ans Tageslicht war menschenleer. Auf der Straße waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Einige Taxis. Die Stadt wirkte verlassen. Dafür war die Luft ungewöhnlich klar und der Himmel stahlblau, ohne die für New York typischen grauen Schleier.

 

Richard folgte der Flatbush Avenue nach Norden. Bis zum vereinbarten Treffpunkt waren es nur wenige hundert Meter. Viel zu früh erreichte er die Treppen vor dem Seehundfelsen. Richard blickte auf seine Uhr. Um fünf würden die Besucher den Prospect Park Zoo verlassen. Auf einer Bank unter den Bäumen beobachtete er Familien, die den Park verließen und musste dabei unweigerlich an Karens Geheimnis denken. Es gab gar keinen anderen Weg, als den Plan der letzten Nacht umzusetzen. Waren das unterwegs nicht schon die ersten Anzeichen gewesen. Die leeren Straßen, die verstörten Menschen. Das Geschäftsleben war nahezu zum Erliegen gekommen. Richard zog sein Smartphone aus der Jackentasche und las die letzten Meldungen. Interkontinentaler Flugverkehr zusammen­gebrochen – Rationierung von Rohstoffen hat begonnen – Bevölkerung verhält sich unerwartet besonnen – Unterstützer versammeln sich vor dem UN-Hauptquartier – Letzter Tanker verlässt die am stärksten betroffene Region – Die Menschheit hat nur wenig Zeit bekommen, ihre wichtigste Entscheidung zu treffen... Die Meldungen überschlugen sich seit den frühen Morgenstunden. Weltweit gab es nur noch das eine Thema. Was für ein Einschnitt. Welche Entwicklung brachten die nächsten Tage und Wochen. Richard steckte das Smartphone zurück und blinzelte in die Nachmittagssonne. Er genoss die ungewöhnliche Ruhe. Kein Verkehr, kein Hupen. Nur das Zwitschern der Vögel erfüllte die Luft. Die Zoo-Besucher hatten den Platz inzwischen verlassen. Richard beobachtete einen älteren Mann in zerrissenen Sachen, der ein Fahrrad mit Plastiktaschen am Lenker durch den Park schob, als die unwirtliche Ruhe durch das sanfte Surren eines Zwölf-Zylinders durchbrochen wurde.

 

Unten auf der Straße rollte eine schwere schwarze Limousine langsam zum Parkeingang. Durch die dichten Baumreihen drang kurz darauf das dumpfe Brummen mehrerer großer Fahrzeuge. Richard beobachtete durch die rotbraun-verfärbten Blätter, wie fünf schwarze Wagen mit abgedunkelten Scheiben die haltende Limousine von vorne und hinten blockierten. Noch bevor die Geländewagen zum Stehen gekommen waren, öffneten sich die Türen und acht Männer umringten die gepanzerte Limousine. Zwei der Männer in dunklen Anzügen zogen eine Waffe und zerrten an der Hintertür. Für einige Augen­blicke herrschte Verwirrung unter den Männern. Ein Mann fasste sich an den Hörer in seinem Ohr. Dann öffnete sich langsam die Hintertür der Limousine.

 

Richard hielt den Atem an. Instinktiv hatte er sich in das Buschwerk hinter einer weißgetünchten Parkbank geworfen und beobachtete die Szene durch einen schmalen Spalt in der Rückenlehne. Dann stieg ein Mann aus der Limousine und Richard blieb das Herz stehen. Hatten sie ihn doch bekommen. Keine zehn Stunden waren vergangen. Die beiden bewaffneten Männer hielten ihre Pistolen im Anschlag. Zwei andere Männer führten den Mitte Fünfzigjährigen Mann zu einem der Geländewagen und drückten ihn auf den Rücksitz. Dann stiegen sie ein. Wenige Augenblicke später rauschten die fünf Geländewagen mit aufheulenden Motoren davon. Der Spuk war so schnell vorbei wie er begonnen hatte.

 

Richard kauerte bewegungslos auf dem Boden. Er wagte kaum zu atmen. Was war geschehen. Alles war so schnell gegangen. Wie sollte der große Plan jetzt weitergehen. Was würde jetzt aus ihm, was aus Karen. Nach einer viertel Stunde kletterte er aus seinem feuchten Versteck und streifte Blätter und Erde von seinen Hosenbeinen. Er musste weg von hier. Noch kannte er nicht den gesamten Plan, aber er erinnerte sich an die Erlebnisse, von denen Robert Feldheimer berichtet hatte. Ohne den Gedanken zu vollenden, begannen seine Beine zu laufen. Einfach weg. Und zwar so schnell wie möglich. Instinktiv rannte er der Sonne entgegen. Die schwachen Strahlen verschwanden langsam hinter den Bäumen. Er lief immer tiefer in den Park hinein in Richtung Westen, dem wärmenden Licht entgegen. Bald begannen seine Oberschenkel zu brennen und jeder Atemzug stach in der Flanke. Nach einigen Hundert Metern gelangte er durch eine kurze runde Unterführung an einen See. Die Blätter der Bäume leuchteten in der Abendsonne in allen Gelb-, Braun- und Rottönen über den glatten Spiegel des Sees. Richard zog keuchend nach Luft. Dann plötzlich klingelte sein Telefon. Mit einem Klingelton, den er nicht erwartet hatte. Schnaufend schwang er sich über einen kniehohen Zaun und suchte Deckung hinter dem Stamm einer mächtigen Eiche.

 

„Ja bitte?“, krächzte Richard mit trockener Kehle in das Mobilteil.

 

„Hallo Richard, ich hoffe, Du bist nicht allzu erschrocken“, meldete sich eine bekannte Stimme am anderen Ende in die Leitung.

 

„Bill? Gerade eben sind Sie doch… Ich meine die Männer haben Sie doch“, stammelte Richard zwischen den schweren Atemzügen.

 

„Das war wirklich realistisch, nicht wahr“, lachte ihm die Stimme entgegen.

 

Richard nahm den Hörer vom Ohr und überprüfte die eingeblendete Nummer. „Das kann aber doch nicht wahr sein.“

 

„Keine Sorge Richard. Mir geht es gut. Das eben war nur ein kleines Ablenkungsmanöver. Ich hoffe, es hält sie mir ein paar Tage vom Leib.“

 

„Dann waren Sie das eben gar nicht?“

 

„Aber nein. Mir war klar, dass sie mich nach meinem Auftritt gestern zu sich einladen würden“, lachte der Mann in die Leitung. „Jetzt aber schnell, Richard. Geh runter zu den Sportplätzen im Süden. Dort wird Dich mein Helikopter am Park abholen. Ich erwarte Dich in einer Stunde. Und bring auch Karen mit.“ Dann wurde das Gespräch beendet.

2. Vier Jahre zuvor – Long Island (New York, USA) – 26. Oktober

 

Der 26. Oktober brachte wieder schwere Unwetter über die Ostküste. Mit klammen Fingern fuhr der Einundfünfzigjährige immer wieder über die in den regennassen Marmor eingravierten Namen. Tief hängende Wolken entleerten sich seit den frühen Morgenstunden. Der Wind trieb Blätter über die Rasenfläche des Parks am Rande der Gardiners Bay. Die Heftigkeit des Herbststurms übertraf ein weiteres Mal die Vorjahre. Die in der Atmosphäre gespeicherte Energie hatte ein Ventil gefunden. Ein heftiger Sturm trieb vom Atlantik her starke Regenfälle auf die Küste. Seit Tagen hatte es wie aus Eimern geregnet. Die meisten Einwohner der Hamptons zogen es daher vor, diese Jahreszeit in der Stadt zu verbringen. In der Mitte des Parks, auf einer Wiese zwischen zwei hoch gewachsenen Kastanienbäumen, kniete ein ergrauter Mann im Regen und starrte auf die vier Namen in der weißen Marmorplatte am Boden. Er spürte, wie seine Knie tiefer in den aufgeweichten Boden versanken. Der Wind peitschte dicke Tropfen gegen sein Gesicht und spülte die Tränen aus seinen Augen. Blitze erhellten das weitläufige Anwesen. Der bis auf die Haut durchnässte Mann verharrte regungslos und in sich gesunken. Das Frösteln nahm er nicht mehr wahr. Innerlich fühlte er sich leer. Ein dumpfer Schmerz legte sich um seinen Brustkorb. Ein krachender Donner ließ ihn aufschrecken. Genau ein Jahr war seit jener grausamen Katastrophe, die alles verändert hatte, vergangen. Hier im Park war seine Frau glücklich gewesen. Zusammen mit den Kindern hatte sie hier regelmäßig den Sommer verbracht. Unbeschwerte Tage am Strand. In der Sonne. Partys mit Freunden. Meist hatte er davon nur am Telefon auf einer seiner vielen Geschäftsreisen gehört. Die Erinnerungen an seine Frau und die Kinder fühlten sich an wie eingefroren. Der Schmerz ließ sich durch nichts lindern. Er hatte alles verloren. Plötzlich, unerwartet und ohne Abschied.

 

Durch den tiefen Verlust blickte er jetzt auf sein Leben in einer nie da gewesenen Klarheit. Es erschreckte ihn. Alle Prioritäten waren in einem einzigen Moment um 180 Grad verschoben. Im Geschäft hatte er die Kontrolle niemals aus der Hand gegeben. Der schreckliche Verlust aber hatte sein Weltverständnis erschüttert. Zweifel und Selbstvorwürfe fraßen sich seitdem in jeden seiner Gedanken. Nach quälenden Wochen, gelähmt von Trauer und am Rande des Wahnsinns, hatte er einen Entschluss gefasst: Der Erkenntnis mussten nun endlich Taten folgen.

 

Einsam starrte er auf die Marmorplatte. Wasserpfützen sammelten sich immer wieder über den Namen seiner Frau und seiner drei Kinder. Dann schreckte er elektrisiert zusammen. Ein gleißend heller Blitz erhellte den Park für Sekundenbruchteile. Die ohrenbetäubende Entladung der atmosphärischen Energie ließ die Luft von Elektrizität knistern. Augenblicklich war ihm klar, wie er seiner Familie für immer ein Zeichen setzen würde. Entschlossen erhob er sich von der kalten Marmorplatte und fühlte sich bereit. Er musste alles aufs Spiel setzen. Selbst seine größten Transaktionen würden dagegen wie Fingerübungen erscheinen. Möglicher­weise würde er diesen Plan auch nicht selbst vollenden können, aber auch dafür würde er Vorkehrungen treffen.

3. Gegenwart – Atacama Wüste (Chile) – 13. September, 16:33 Uhr Ortszeit

 

Richard Hirlinger blickte durch die staubige Frontscheibe des zehnsitzigen Busses, der langsam die Steigung hinauf dröhnte. Die vier silbernen Kuppeln strahlten im Sonnenlicht. Er war seit dreißig Stunden unterwegs. Die letzten Kilometer hatte ihn die Panamericana als staubige Schotterpiste durch die Atacama-Wüste geführt. Er kämpfte gegen die Müdigkeit an und seine Wirbelsäule schmerzte. Doch hier oben sollte sich sein großer Traum erfüllen. In den kommenden Wochen konnte er am modernsten und leistungsfähigsten optischen Observatorium der Erde arbeiten. Wenn alles glatt lief, konnte er seine Doktorarbeit in der Rekordzeit von drei Jahren abschließen.

 

Der Gipfel des 2.635 Meter hohen Cerro Paranal kam immer näher und das Observatorium rückte hinter den braunen Felsen ins Blickfeld. Eine der aufwendigsten und komplexesten Anlagen, die die Wissenschaft zur Suche nach den Ursprüngen des Lebens hervorgebracht hatte, lag mitten in einer der lebensfeindlichsten Landschaften der Erde.

 

Normalerweise mussten Doktoranden auf Messungen anderer Wissen­schaftler zurückgreifen oder konnten sich im besten Fall den Messreihen anderer Wissenschaftler anschließen. Die Einladung zur Europäischen Südsternwarte war wie ein Sechser im Lotto. Doch er wusste auch, dass er sie den hervorragenden Beziehungen seines Doktorvaters zu verdanken hatte. Auch wenn die Vergabekommission des Paranal sein Dissertationsthema als überaus wegweisend für die Suche nach den Brut­stätten des Lebens im Universum eingestuft hatte. Zwei Beobachtungs­reihen an einem der vier modernen 8,2-Meter Teleskope hatte man für ihn reserviert. Mit mindestens 350 klaren Nächten im Jahr und der Abgeschiedenheit von menschlichen Einflüssen in Form von Staub und Streulicht bot das Paranal die besten Voraussetzungen für Richards Arbeit. Vielleicht konnte er sie sogar noch vor seinem achtund­zwanzigsten Geburtstag abschließen. Während er geistes­abwesend aus der staubigen Frontscheibe starrte, fiel sein Blick auf eine junge Frau, die mit eng anliegenden Sportsachen die Straße hinauf joggte. Ihr Pferde­schwanz wippte rhythmisch mit jedem Schritt. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke und Richard hielt den Atem an. „El dulce“, murmelte der Fahrer und kaute seinen Zigarillostummel von einem Mundwinkel in den anderen. Richard verfolgte ihre Bewegungen bis sie hinter den braunen Felsen der nächsten Kehre verschwunden war.

 

Wenige Minuten später, kurz vor dem Basiscamp, wurde die holprige Straße durch eine breite Teerstraße abgelöst. Richard spürte, wie sehr ihm der 23-stündige Flug von München nach Antofagasta und die letzten Kilometer mit dem in die Jahre gekommenen Kleinbus zugesetzt hatten. Die dünne Höhenluft der Anden tat ein Übriges. Mit zusammen­gepressten Kiefern unterdrückte er ein Gähnen. Der chilenische Fahrer hatte während der zweieinhalbstündigen Fahrt schweigend auf dem aufgerauchten Stummel eines Zigarillos gekaut. Als die ersten Gebäude des Camps in Sichtweite kamen, ließ er den Motor aufheulen. Das Gelände mit den Werkstatt- und Verwaltungsgebäuden, den Wohn­containern und dem zur Hälfte unterirdisch gelegenen Hotel war menschenleer. Nur einige Pick-ups parkten vor dem Gebäude, auf das der Fahrer zusteuerte. Richard griff seine Fleece-Jacke und fuhr sich mit beiden Händen über den glattrasierten Schädel. Auf der Zufahrtsstraße unterhalb der Teleskope reflektierte die Frontscheibe eines Gelände­wagens für einen kurzen Augenblick das Sonnenlicht. Richard fröstelte vor Müdigkeit am ganzen Körper. Doch beim Blick zu den 300 Meter höher gelegenen silbernen Teleskopkuppeln fühlte er sich, wie zuletzt bei der Beobachtung der totalen Sonnenfinsternis von 1999. Wochenlang hatte er sich mit seinem Bruder darauf vorbereitet, das Teleskop mit einem Sonnenfilter ausgerüstet und den erwarteten Verlauf studiert. Die Scheibe des Mondes verdeckte die gesamte Sonne nur wenige Minuten. Dabei fiel die Temperatur merklich ab, begleitet von einem kurzen böigen Windzug. Das Licht war unnatürlich bleigrau und ging zum Horizont in eine orangerote Färbung über. Ein unvergessliches Naturschauspiel. Es war das letzte gemeinsame Erlebnis mit seinem Bruder. Thomas Hirlinger hatte Richards Begeisterung für die Sterne und das Weltall geteilt. Auch er war fasziniert von der unvorstellbaren Größe des Universums und der Möglichkeit, dass es irgendwo in dieser unend­lichen Weite Leben geben könnte – wahrscheinlich sogar geben musste. „Richard, Du musst mir versprechen, nach diesen Orten zu suchen. Dort werden wir uns wiedersehen“, hatte er zuletzt immer wieder gesagt. Und Richard hatte die Vorstellungen seines jüngeren Bruders in den Wochen des Abschieds zu seinen eigenen werden lassen – obgleich sein natur­wissenschaftlich geschulter Verstand dies natürlich als unendlich naiv abtat.

 

Als der Fahrer den Wagen wenige Augenblicke später vor dem Verwal­tungsgebäude zum Stehen brachte, blickte Richard wieder hinauf zum Gipfel. Auf dem sacht ansteigenden Hang direkt oberhalb des Basiscamps glänzte ein großes Feld von Solarkollektoren. Bläulich reflektierten sie das Licht der Nachmittagssonne. Die Photovoltaik-Anlage hatte eine Leistung von mehreren Megawatt – ausreichend um einen Großteil der auf dem Paranal benötigten Energie abzudecken. Aber das funktionierte nur mit riesigen Batterien. Nachts, wenn das Observatorium im Hochbetrieb lief, lieferten die Solarzellen schließlich keine Energie. Das Auseinanderfallen von Angebot und Nachfrage in Raum und Zeit war das Hauptproblem der Erneuerbaren Energien. Auch wenn eine Kollektorfläche von wenigen hundert Quadratkilometern ausreichen würde, den Energiebedarf der gesamten Menschheit zu decken, so bestand die eigentliche Herausforderung darin, die Energie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort verfügbar zu haben.

 

„Hey Junge, wir sind da“, brummte der Chilene durch seinen Zigarillo, als er sich langsam aus der Fahrertür heraus lehnte. Eilig griff Richard seinen Laptop und öffnete die Wagentür. Im Schatten des Wagens schlug ihm die kühle Höhenluft entgegen. Die Haarwurzeln auf seinem Schädel stellten sich sofort auf. Wenige Schritte entfernt spendete die Nach­mittagssonne wieder ihre lebenserhaltende Wärme. Sonnenstrahlen, wie sie schon seit Milliarden von Jahren Energie für alle Kreislaufprozesse auf der Erde lieferten. Und das voraussichtlich auch noch viele Milliarden Jahre in der Zukunft tun würden. Unter nur geringfügig anderen Bedingungen im Sonnensystem und auf der Erde hätten sie aber ebenso gut auf tote Materie treffen können. Die Erde wäre dann einer von unzählbar vielen Planeten im Universum, der die Energie ohne nachhaltige Wirkung absorbiert. Genauso wie dieser rotbraune Felsboden der Atacama-Wüste, den Richard jetzt zum ersten Mal knirschend unter seinen Füßen spürte.

 

Schlürfend erreichte der Fahrer das Heck des Transporters und kaute weiter auf dem durchweichten Zigarillostummel herum. Mit einem Schlag gegen das Schloss öffnete er die Klappe. Seine Pranken griffen den großen Rucksack und eine Reisetasche, die während der Fahrt neben Gemüsekisten und Lebensmitteln gelegen hatten. Mit einem hölzernen Lächeln stellte er sie wortlos auf dem ausgetrockneten Boden ab. Dann stieg er ohne einen Blick zurück auf den Fahrersitz. Richard schluckte und wartete bis der Motor gestartet war. Dann versuchte er, sich in dem auf 2.300 Metern gelegenen Campus zu orientieren. Einstöckige Verwal­tungsgebäude und größere Hallen waren um einen zentralen Platz ange­ordnet. Das 200-Zimmer Luxushotel, in dem der chilenische Fahrer die Gemüsekisten ablieferte, lag direkt an der Zufahrtstraße. Die atacama­braune Fassade fügte sich kantig in die karge Landschaft. Ein beein­druckendes Domizil, dachte Richard. Aber es hätte eine unerträgliche Lücke in sein Budget gerissen. An der dem Gipfel zugewandten Flanke des Areals entdeckte er die Wohncontainer. Es waren die ersten Bauten auf dem Paranal, heute dienten sie noch als preiswerte Unterkunft. Nicht die erste Adresse und kaum mehr Komfort als seine zwanzig Quadrat­meter-Studentenbude in Heidelberg, aber mit direktem Kontakt zu den ständig auf dem Paranal lebenden Wissen­schaftlern.

 

Richard sah auf seine Uhr. Zwölf vor fünf. Jetzt den Container beziehen, etwas Essen und endlich ein Bett waren seine Prioritäten. Eilig schulterte er den Rucksack und griff nach der Reisetasche und dem Laptop. Wo waren die Wissenschaftler. Um die Hundert Menschen arbeiteten hier. Doch alles war ruhig, menschenleer. Nur ein roter Pick-up fuhr auf der breiten Straße vom Gipfel ins Camp. Richard ließ seine Reisetasche sinken und hielt seine Hand zum Schutz vor der gleißenden Sonne über die Augen. Der Pick-up bog ins Basiscamp und steuerte auf eine der freien Parkbuchten zu, wenige Meter von Richard entfernt. Am Steuer saß ein mittelgroßer Mann in kariertem Hemd und enganliegender Fleece-Jacke. „Willkommen auf dem Gipfel“, rief der Mann mit iberischem Akzent, nachdem er aus dem Wagen gestiegen war und die Fahrertür mit einem dumpfen Stoß zugeschlagen hatte. Beim Näher­kommen blickte Richard in das sonnengebräunte Gesicht eines südlän­dischen Mannes, dessen Alter er auf Mitte vierzig schätzte. Er wirkte müde, doch seine Augen waren klar und frisch. Mit federndem Gang kam er direkt auf Richard zu und streckte ihm seine kräftige Hand entge­gen. „Richard Hirlinger, wir haben Dich schon erwartet! Hattest Du eine gute Anreise?“

 

Richard griff zögernd nach der behaarten Hand. Kräftig und intensiv war der Händedruck.

 

„Ich bin Paul Rodriguez! Ich möchte Dir so bald wie möglich eine sehr bedeutende Entdeckung zeigen“, erklärte der Mann mit einem ein­nehmenden Lachen. Richard schluckte und brachte für einen Moment kein Wort heraus.

4. Cupertino, Silicon Valley (Kalifornien, USA) – 13. September, 15:23 Uhr Ortszeit

 

„Nun komm‘ schon, mach mir keinen Ärger“, redete Marc Lighter auf seinen Rechner ein. Seit Stunden brütete er über einem Problem, das ihm Kopfzerbrechen bereitete. Immer wieder wurde die remote-Verbindung zu seinem System einige Tausend Kilometer weiter östlich unterbrochen. Aber Marc Lighter konnte sich den Grund dafür nicht erklären. Auch telefonisch konnte er den ganzen Tag über niemanden im Kontroll­zentrum erreichen. Marc Lighter blickte sich auf seinem Schreibtisch um. Dabei fiel sein Blick unweigerlich auf den silbernen Rahmen mit der Fotografie einer attraktiven jungen Frau mit blonden Haaren. Er brauchte einen klaren Kopf und lief zur Terrassentür. Draußen in der Nachmittags­sonne sog er die warme Luft in seine Lungen. Die Nervosität trieb ihn auf der großen Dachterrasse auf und ab. Die Holzplanken des Bodens knirschten unter jedem seiner Schritte. Wie konnte es jetzt nur weiter gehen. Oder war es schon zu Ende, bevor es überhaupt begonnen hatte. Marc Lighter richtete den Blick auf die Berge im Süden, die ver­schwommen hinter einer graubraunen Smogschicht lagen. Für die Jahres­zeit war es noch ungewöhnlich warm und er spürte, wie ihm die Hitze langsam den Schweiß aus den Poren trieb. Hier oben musste er immer an Candice denken. Wäre es wohl anders verlaufen, wenn er mehr Zeit für sie gehabt hätte. Wahrscheinlich wäre sie dann noch bei ihm und wahrscheinlich hätten sie schon Kinder. Alles wäre perfekt, doch jetzt fühlte er sich dumpf und leer. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus den trüben Erinnerungen. Marc Lighter nahm noch einen tiefen Atemzug und eilte dann zurück zum Schreibtisch. Es gab nur wenige Leute, die seine geheime Büronummer kannten. Doch der Blick auf die Anzeige des Telefons offenbarte den Anrufer nicht.

 

Das Rauschen in der Leitung deutete auf eine Satellitenverbindung. Sofort wusste er, wer am anderen Ende der Leitung war. „Ist alles klar für morgen?“, fragte der Anrufer ohne Begrüßung.

 

„Nein, habe noch keine stabile Verbindung hinbekommen!“, antwortete Marc Lighter mit schnaufender Stimme.

 

„Mach‘ mir keine Sorgen Marc“, antwortete der Anrufer, während im Hintergrund monoton die Hochleistungstriebwerke rauschten.

 

„Ich arbeite daran, aber es ist verdammt nicht einfach.“

 

„Ich weiß, deswegen machst Du es ja auch“, lachte der Anrufer. „Und Du weißt, was davon abhängt, Marc.“

 

„Na klar. Ich habe aber auch schon einen Plan B.“ Marc Lighter rieb sich die Bartstoppeln am Kinn.

 

„Und wie sieht der aus?“

 

„Nicht am Telefon! Lass uns das persönlich besprechen. Wann bist Du wieder in der Gegend?“

 

„Bin im Moment 10.500 Meter über der Karibik. Richtung Süden“, erklärte der Anrufer und Marc Lighter bildete sich ein, ein Knacken in der Leitung zu hören. „Ich könnte auf dem Rückweg vorbeikommen. Ich melde mich. Ende.“ Die Verbindung wurde unterbrochen und Marc Lighter ließ sich in seinen Stuhl fallen.

5. Casino des Cerro Paranal (Chile) – 13. September, 19:39 Uhr Ortszeit

 

Richard saß im großen Speisesaal des Kasinos und zog den Teller mit einer großen Portion Spareribs zu sich heran. Ohne noch einmal über seinen Jet Lag nachzudenken, war die Zeit wie im Flug vergangen. Nach wenigen Stunden auf dem Paranal hatte Richard bereits die wichtigsten Wissenschaftler und Ingenieure, die am Yepun arbeiteten, kennengelernt. Carl Bacher, ein Astrophysiker aus Garching, interessierte sich sehr für Richards Arbeit. Er war ein stämmiger Mann mit Bauchansatz und bayerischem Vollbart und trank als Einziger Bier zum Essen. Er arbeitete im Exoplaneten-Team, einer eingeschworenen Gemeinschaft, die sich mit der Suche und Erforschung von Planeten außerhalb des Sonnen­systems beschäftigte. Auf dem Paranal entlockten sie dem Licht, das von Lichtjahre entfernten Sonnensystemen zur Erde vordrang, mit den fort­schrittlichsten optischen und analytischen Methoden seine Geheim­nisse. In der gesamten Community ernteten sie Anerkennung für die neue Perspektive auf die menschliche Existenz, die ihre Arbeit ermöglichte, ja praktisch erzwang. Seit der Eröffnung des Paranal hatte das Team um Paul Rodriguez das Observatorium durch eine Reihe bahnbrechender Ent­deckungen zu einer der ersten Anlaufstellen für diese noch junge Forschungsdisziplin gemacht. Ein Höhepunkt war die erste direkte Beobachtung eines Planeten außerhalb des Sonnensystems. Paul Rodriguez, der sechsundvierzigjährige Portugiese, hatte nach dem Studium einige Jahre in Kalifornien gelebt und arbeitete schon seit der frühen Planungsphase am Observatorium. Seine Veröffentlichungsliste hätte für mehrere Forscherleben gereicht und seine Beiträge zur Exo­planeten-Forschung waren Standardwerke. Die meisten davon hatte Richard gelesen. Rodriguez vereinte, wie kaum ein zweiter, die umfassende Kenntnis der Instrumente und ihrer Möglichkeiten mit dem tiefgreifenden Verständnis der zugrundeliegenden Physik, hatte Professor Fehringer betont.

 

Als Richard den letzten abgenagten Knochen zur Seite legte, kam ein untersetzter Fünfzigjähriger an den Tisch. „Hey Paul, Wirst Du heute Nacht wieder mit E.T. flirten?“ Mindestens dreimal schlug er ihm während der kurzen Unterhaltung auf die Schulter. Dann wandte sich der Mann von den anderen am Tisch ab und zog Paul zu sich heran. Richard konnte die Unterhaltung dennoch verstehen. „Sag mal Paul, hast Du schon Neuigkeiten zu meinem Projektantrag?“, wollte der Wissen­schaftler wissen und schob dabei einen Stapel Unterlagen zusammen.

 

„Rick, nicht jetzt!“, zischte Rodriguez ihn an. „Morgen kann ich Dir mehr sagen.“ Mit einem Knuff in die Seite verabschiedete er den Kollegen. Als Rodriguez zu seinem Platz zurückkam, wirkte er ange­spannter als zuvor. Immer wieder nippte er an seiner Cola. Im Gegensatz zu seinen Teammitgliedern offenbarte er nur wenig Privates. Er hatte sein Leben völlig auf seine Arbeit ausgerichtet. Seine wenigen guten Freunde konnten nicht einmal sagen, ob seine Besessenheit von der Idee, Leben im Weltraum zu finden, der Grund für das Scheitern seiner Beziehungen war. Oder hatte er sich nach seiner letzten festen Beziehung vor acht Jahren zur Ablenkung und aus reinem Selbstschutz, wie er es nannte, noch fanatischer in seine Forschung vergraben. Bestätigung bekam er durch die Arbeit mit anderen Wissenschaftlern. In den vergangenen Jahren hatte er sich so ein weitreichendes persönliches Netzwerk namhafter Astronomen weltweit aufgebaut. Doch er hatte auch einen Preis dafür gezahlt. Lange Arbeitstage, der Schlaf kam regelmäßig zu kurz. Auf seine wissenschaftliche Leistung hatte das bisher noch keine Auswirkung, aber er wirkte häufig nervös und rastlos. Und seine markant geformten Gesichtszüge mit den ersten Falten, konnten die Müdigkeit nicht verbergen.

 

„Richard, ich möchte Dich unbedingt einigen Leuten vorstellen“, erklärte Rodriguez, nachdem er den letzten Schluck seiner Cola ausgetrunken und die Flasche mit einem lauten Stoß auf der Tischplatte abgestellt hatte. „Ich bin mir sicher, dass wir Mittel für Dein Thema bekommen können.“

 

Richard schluckte. Zwar hatte er schon gehört, dass Paul Rodriguez ein Meister darin war, Fördergelder einzuwerben. Aber auch, dass ihm diese Fähigkeit nicht nur Freunde gemacht hatte.

 

„Aber Paul, Du hast doch mein Modell noch gar nicht gesehen!“, antwortete Richard und verschränkte die Arme vor der Brust.

 

„Glaub’ mir Richard, ich habe ein Gespür dafür“, erklärte Rodriguez mit einem einnehmenden Lachen. „Deine Arbeit wird einen wichtigen Bau­stein liefern, um die Effizienz unserer Suche in Zukunft zu verbessern. Es gibt da einige Leute, die so etwas erkennen. Und fördern.“ Rodriguez sah sich zur Selbstbedienungstheke um. Seinem Gesichtsaus­druck entnahm Richard aber, dass er dort etwas anderes erwartet hatte.

 

„Es gibt Menschen, die über ausreichende Mittel verfügen und obendrein noch Interesse an den Grundfragen unserer Existenz haben“, erklärte er mit überzeugender Stimme.

 

„Ob wir allein sind“, ergänzte Richard, „in den dunklen Tiefen des Weltalls.“

 

Rodriguez grinste zufrieden. „So viele Parameter müssen zusammen­passen, damit in der bewohnbaren Zone um einen Stern Leben entstehen kann und sich über Milliarden von Jahren zu höheren Lebensformen entwickelt, die wir überhaupt erst wahrnehmen können. Das allein lässt die Wahrscheinlichkeit für intelligentes Leben so unglaublich gering erscheinen. Aber in der unvorstellbaren Weite unseres Univer­sums hatte die Evolution genügend Gelegenheit. Wir Menschen sind kein Zufall. Da draußen muss es noch wirklich intelligente Wesen geben. Unser größtes Problem ist die Begrenzung von Zeit und Ressourcen, alle Stellen im Weltraum zu durchsuchen.“

 

„Und Du glaubst, dass ich dazu einen Beitrag leisten kann?“

 

„Deine Arbeit wird unsere Suche effizienter machen und uns helfen, unsere knappste Ressource, die Beobachtungszeit, noch besser zu nutzen…“ Rodriguez wandte seinen Blick durch die spiegelnde Scheibe hinaus in den pechschwarzen Nachthimmel. Wenige Sekunden später drehte er sich plötzlich wieder um. Richard folgte unwillkürlich seinem Blick zur Eingangstür. Ein heißkalter Schauer durchfuhr ihn. Am anderen Ende des Speisesaals erblickte er eine hochgewachsene schlanke Frau. Ihre langen Haare hielt sie mit einem Haarreif zusammen. Sie trug eine enge schwarze Hose und eine weiße Bluse, die ihren Oberkörper vorteilhaft betonte. Ohne ihren Blick von Paul Rodriguez abzuwenden, kam sie direkt auf ihn zu und hob die Hand zur Begrüßung. „Hallo Paul, weißt Du eigentlich wie spät es ist?“ Ein Glänzen in ihren braunen Augen offenbarte, was ihre knappen Worte und ihre kontrollierte Körperhaltung zu verbergen suchten.

 

Fasziniert musterte Richard die junge Frau. Er erkannte die zarten, fast blassen Gesichtszüge und ihr glänzendes schwarzes Haar sofort wieder. Eine attraktive Person. Unerwartet attraktiv für diesen Ort.

 

Paul Rodriguez sprang auf und umarmte die junge Frau. Carlotta erwiderte die Geste mit zufriedenem Gesichtsaus­druck. „Carlotta, ich muss Dir unbedingt Richard vorstellen.“

 

„Schön, Dich kennenzulernen“, erwiderte Carlotta Cassini freundlich und reichte Richard ihre feingliedrige Hand. Für einen kurzen Augenblick huschte ein vielsagendes Lächeln über ihr Gesicht. „Wir können uns später sicher noch ausführlicher unterhalten.“ Die temperamentvolle Italienerin stammte aus der Nähe von Turin. Sie war, was für diese Profession eigentlich ungewöhnlich war, durch einen Zufall zur Astronomie gekommen. Ihr Diplom und ihren Doktorgrad hatte sie mit Auszeichnung bestanden und arbeitete seit mehreren Jahren auf dem Paranal.

 

„Wir müssen jetzt los, Paul“, erklärte sie mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ.

 

Rodriguez schielte auf seine Uhr. Viertel nach acht. „Du hast recht.“ Dann knetete er für einen Augenblick nachdenklich sein Kinn. „Richard, wir haben noch einige wichtige Messungen vorzu­bereiten. Morgen musst Du uns unbedingt bei den Teleskopen besuchen. Ich zeige Dir dann alles und wir sprechen weiter über Deine Arbeit.“ Rodriguez unterdrückte ein Gähnen. „Und ich zeige Dir noch eine interessante Entdeckung. Die wird den Lauf der Welt verändern.“

6. Cambridge (Massachusetts, USA) – 13. September, 23:45 Uhr Ortszeit

 

Der dunkle Wagen bog mit hohem Tempo auf die schmale Seitenstraße. Robert Feldheimer spürte kaum noch die Taubheit seiner Hände. Die Kabelbinder schnitten tief in seine Handgelenke. So sehr er sich auch bemühte, durch das dunkle Tuch, mit dem seine Augen verbunden waren, konnte er nichts erkennen. Die Fahrgeräusche des Straßenbelags und die kurz aufeinander folgenden Richtungswechsel hatten ihm aber verraten, dass sie sich nun endlich dem kleinen Platz in der Concord Avenue näherten. Der Fahrer verlangsamte das Tempo und Feldheimer zog durch das muffige Tuch vor seinem Gesicht nach Luft. Zwei Monate hatte er in völliger Isolation in einem Gefängniskomplex in Pennsylvania verbracht. Sie hatten ihn gut behandelt und er hatte keinen Mangel gelitten. Doch in der fensterlosen Zelle des Hochsicherheitstraktes hatte er keinen Kontakt zur Außenwelt. An Flucht war überhaupt nicht zu denken gewesen. Das hatten ihm die Männer unmissverständlich zu verstehen gegeben. Er war einfach nur dankbar, dass er noch einige Monate in Freiheit verbringen konnte. Daher kooperierte er und ging auf die Forderungen seiner Entführer ein.

 

Allmählich bremste der Wagen ab und hielt dann lautlos vor dem zweistöckigen Gebäude aus rotem Backstein. Eine abgedunkelte Scheibe trennte Feldheimer von den beiden Männern, die ihn in Pennsylvania abgeholt hatten. Langsam öffneten sie die Wagentüren und stiegen aus. Noch einmal zog Feldheimer die Luft tief in seine Lunge. Er drückte den Rücken durch, was er häufig tat, um die Verspannungen seiner Musku­latur zu lösen. Seine zusammengebundenen Arme schmerzten schreck­lich. Aber in diesem Moment konzentrierte er sich nur noch darauf, seine Freiheit wieder zu erlangen. Einen hohen Preis hatte er dafür gezahlt. Wahrheit und Gerechtigkeit hatte er dafür mit Füßen getreten. Er hasste sich dafür. Aber was waren schon ein paar hehre Grundsätze gegen die Chance, die letzten Monate in Freiheit zu verbringen.

 

Dann öffnete einer der beiden Männer die Wagentür. „Wir sind da, Doktor Feldheimer. Sie können die Augenbinde jetzt abnehmen. Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“

 

„Nein, danke. Ich komme schon allein zurecht.“ Feldheimer drückte den Hinterkopf an die Kopfstütze und schob die Augenbinde nach oben. Durch die halb geöffnete Tür erkannte er das Institutsgebäude. Genau zwei Monate war es her, dass er von denselben beiden Männern hier abgeholt worden war. Der Fahrer, ein breitschultriger Hüne, kaute mit seinen kräftigen Unterkiefern laut schmatzend auf einem Kaugummi und streckte Feldheimer noch immer die Hand entgegen. Im Halbdunkel erkannte Feldheimer die Statur des Mannes sofort wieder – und war einmal mehr davon überzeugt, dass das Kaugummi ihm dabei half, die Energie seines durchtrainierten Körpers zwischen den täglichen Workouts zu kanalisieren.

 

Angestrengt drehte Feldheimer die Füße aus dem Fußraum heraus und stützte sich mit der rechten Schulter am Türrahmen ab. Mit Mühe, aber ohne fremde Hilfe verließ er den Wagen. Der zweite Mann, ein schmaler Drahtiger, kam mit schlürfenden Schritten näher und beobachtete die Umgebung. Er versucht nicht, sein Äußeres zu verbergen. Mit den breiten Verbrennungsnarben auf der rechten Gesichtshälfte und dem stark lädierten rechten Ohr wäre es ein Leichtes, ihn zu identifizieren. Diese Tatsache hatte Feldheimer schon während seiner Zeit in der Zelle verunsichert. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Aber offen­sichtlich brauchten sie ihn noch.

 

Als sich der Vernarbte davon überzeigt hatte, dass niemand sonst auf dem Gelände war, kam er, sein rechtes Bein nachziehend, einige Schritte auf Feldheimer zu. In der Hand hielt er eine Zange. Mit einem kurzen Nicken gab er dem Hünen ein Zeichen. Dieser legte seine Hände, die das Gewicht mehrerer Zementsäcke zu haben schienen, wortlos auf Feldheimers Schultern. Dann knipste der Vernarbte die Kabelbinder durch, die sich während der Fahrt tief in Feldheimers Handgelenke eingeschnitten hatten. „Doktor Feldheimer, halten Sie sich genau an unsere Abmachungen. Sie wissen, was sonst passiert…“

 

„Lass gut sein“, unterbrach ihn der Hüne Kaugummi schmatzend. „Ich denke, er versteht die Konsequenzen.“ Mit einem Mal fielen die Zementsäcke von Feldheimers Schultern. Der Drahtige eilte mit schlürfenden Schritten zum Wagen zurück. Wenige Augenblicke später rauschte der Wagen mit quietschenden Reifen davon. Robert Feldheimer blickte auf die Fassade des altehrwürdigen Smithsonian Instituts und versuchte, seinen verspannten Rücken zu lockern. Wenige Minuten später saß er in seinem Büro im ersten Stock vor einem Terminal und löschte mehrere Einträge aus den Datenbanken des MPC.

7- Cerro Paranal (Chile) – 14. September, 4:32 Uhr Ortszeit

 

Richard lag seit einer Stunde wach. Nicht nur der Jet Lag und die Strapazen der langen Reise raubten ihm den Schlaf. In der Dunkelheit tastete er sich zum Fenster des Containers. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte er, die Dunkelheit zu durchdringen. Die Sterne waren in einer ungewohnten Klarheit zu erkennen. Die Milchstraße zog sich als helles Band aneinandergereihter Lichtpunkte über den Himmel nach Norden.

 

Da draußen gab es eine unendliche Zahl von Galaxien, jede mit mehreren Milliarden Sternen. Wird jemals Leben auf einer dieser fernen Welten nachgewiesen werden? Und seine Arbeit sollte tatsächlich einen Beitrag dazu leisten?

 

Nach einer viertel Stunde, allein mit den unbekannten Sternbildern des südlichen Nachthimmels, zeigte sich am Horizont ein orange-roter Schimmer. Die aufgehende Sonne. Richard spürte zum ersten Mal die kontinentale Entfernung, die ihn von Karen trennte. Noch nie waren sie so weit voneinander entfernt gewesen – jedenfalls nicht für eine so lange Zeit. Eine Wochenendbeziehung war nicht schön, aber wochenlang mehr als einen Ozean getrennt, schien ihm in diesem Moment unerträglich. Weder E-Mails noch Internetvideo würden dieses Gefühl lindern.

 

Mit jedem Augenblick durchdrang der orange Schimmer intensiver das Schwarz des Himmels. Auf der Zufahrtstraße durchschnitt der Lichtkegel eines Wagens die Nacht. Die ersten Wissenschaftler verließen die Teles­kope. Die Beobachtungen waren jetzt endgültig beendet. Viele der Instrumente konnten nur bis kurz vor Sonnenaufgang betrieben werden. Danach erlaubten die empfindlichen Systeme keine Messungen mehr. Sie waren dazu ausgelegt, das Licht von Milliarden Lichtjahren entfernten Objekten zu verstärken. Zu viel Licht aber konnte sie zerstören.

 

Gegen den sich langsam aufhellenden Morgenhimmel wuchsen die Kuppeln der vier identischen Teleskope immer deutlicher aus dem Gipfel. Zusammengeschaltet bildeten sie das Very Large Telescope (VLT) mit einem virtuellen Spiegeldurchmesser von 200 Metern, mit dem man Astronauten auf der Mondoberfläche beobachten könnte. Ein einzig­artiges Instrument, das tiefe Einblicke in die Vergangenheit des Uni­versums und alle darin verborgenen Geheim­nisse eröffnet.

 

Der Sonnenaufgang erfüllte den Himmel mittlerweile mit allen Rot-Tönen und Richard überhörte das dumpfe Knattern in der Ferne. Langsam kam es immer näher und durchdrang dann seine Gedanken. Ein Erdbeben, wie es die Erde hier oben in den Anden regelmäßig erschüttern lässt. Doch der Boden war absolut ruhig. Jetzt erst konnte er das lauter werdende Geräusch deuten. Ein Helikopter. Eilig stieg er in seine Jeans und Trekkingschuhe und rannte nach draußen. Der schmale Gang zwischen den Containern fühlte sich an wie ein Kühlhaus. Die Haut auf Richards Schädeldecke zog sich zusammen und der Wind durchdrang sein Hemd.

 

„Hey, Richard pass auf, dass Du Dich nicht erkältest.“ Carlotta Cassini machte Streckübungen am Geländer. In ihren eng anliegenden schwarzen Joggingsachen und den zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren sah sie umwerfend aus.

 

„Carlotta, wer kommt da?“ Richards Atem blies Nebelschwaden in die kalte Morgenluft.

 

„Das ist George Brighton“, antwortete Carlotta außer Atem.

 

“George wer?“ Doch Carlotta war schon zu dem zentralen Platz im Basiscamp gelaufen und reagierte nicht mehr.

 

Carlotta war eigentlich viel zu attraktiv für eine Astronomin. Am Abend zuvor hatte sie kühl und sachlich gewirkt. Richard hatte sich nicht getraut, sie anzusprechen. Doch von den anderen hatte er einiges über sie erfahren. Sie kam aus einfachen Verhältnissen und war auf dem Bauernhof ihrer Eltern in einem kleinen Dorf in der Nähe von Turin aufgewachsen. Zur Astronomie war sie eher unbeabsichtigt gekommen. Bevor sie begann, sich für Jungs zu interessieren hatte sie ihre Zeit meist mit den anderen Jugendlichen beim Abhängen auf der Hauptstraße des kleinen Dorfes verbracht. Mit vierzehn verliebte sie sich in einen zwei Jahre älteren Jungen, der dieselbe Schule besuchte. Aber der schien sie gar nicht zu bemerken, obwohl sie schon damals vielen ihrer männlichen Altersgenossen den Kopf verdreht hatte. Lawrence war mit seinen Eltern aus den USA nach Turin gekommen. Er verbrachte seine gesamte freie Zeit mit dem Bau von Teleskopen und der Beobachtung von Sternen. Und er ging einmal im Monat zum astrono­mischen Kolloquium nach Turin. Das hatte Carlotta herausgefunden als sie ihm an einem nasskalten Winterabend heimlich vom Haus seiner Familie bis zum Planetarium gefolgt war. In der nächsten Woche hatte sie sich ein Herz gefasst und ihn angesprochen. Mit Fragen, die sie aus einem Astronomie-Buch in der Schulbücherei hatte, hatte sie ihn in ein Gespräch verwickelt. In den folgenden Wochen trafen sie sich immer wieder und unterhielten sich lange über die Sterne, die Unendlichkeit des Universums und den Sinn des Lebens. Langsam entwickelte sich eine Freundschaft und Carlottas Interesse für die Astronomie. Lange hatte Richard über Carlottas Geschichte gegrübelt. Und er musste immer wieder daran denken, mit welcher Vertrautheit und zugleich merkwürdigen Distanz Carlotta und Paul sich am Abend begegnet waren. Als eine Windböe zwischen die Container fuhr, eilte Richard in sein Zimmer zurück, um Carlotta wenige Augenblicke später mit seiner Fleece-Jacke bekleidet auf den großen Platz zu folgen. Über dem Landeplatz an der Nordseite des Basiscamps schwebte eine schwarze 17 Meter lange Bell / Augusta AB139 ein. Der wendige sechssitzige Helikopter wirbelte den rotbraunen Staub der Atacama in die klare Morgenluft.

 

„Carlotta. Wer ist dieser Brighton? Müsste ich den kennen?“, wollte Richard wissen als er den Landeplatz erreichte. Carlotta lachte und hielt die Hand schützend über ihre Augen. Die Rotoren des landenden Helikopters drückten die Luft mit hoher Geschwindigkeit gegen die Wartenden. „George Brighton ist ein großer Freund und Förderer des Paranal“, schrie Carlotta gegen den ohrenbetäubenden Lärm der Tur­binen an. Richard verstand kein Wort, aber er bemerkte ihren Gesichts­ausdruck. Für den Moment musste er es auf sich beruhen lassen. Rot­brauner Sand wirbelte weiter in die Luft. Auch Richard hielt sich die Ohren zu und wandte den kahlen Kopf schützend zur Seite.

 

In diesem Moment eilte Guido Hubner zum Landeplatz. Der Direktor der Europäischen Südsternwarte war ein stattlicher, hochgewachsener Mann, der die Fünfzig hinter sich gelassen hatte. Er hatte in Göttingen und München Physik studiert und war über mehrere Stationen bei der ESO gelandet. Seit vier Jahren leitete er das Paranal und das La Silla Observatorium der Europäischen Südsternwarte in Chile. In La Silla hatte er vor über zwanzig Jahren seine Doktorarbeit geschrieben. Damals hatte er Fehringer kennengelernt, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Genau dieser Verbindung, so war sich Richard sicher, hatte er die Bewilligung seines Antrags auf Beobachtungszeit zu verdanken.

 

Der Rotorenlärm wurde immer lauter. Der Helikopter schwebte nur noch wenige Meter über dem Boden. Das Fahrwerk war ausgefahren und die Räder berührten den Boden. Dann kippte der Pilot die Rotorblätter und der Helikopter sackte in die Federung des Fahrwerks. Freundlich grüßte er die Wartenden durch seine getönte Kanzel, während er die Knöpfe am Steuerpult bediente.

 

Durch die zwei hinteren Fenster konnte Richard einen schlanken Mann mit grauen Haaren und getönter Brille erkennen. Er trug nur ein hellblaues Hemd mit einer kleingemusterten Krawatte. Richard schätzte ihn auf Mitte Fünfzig.

 

Guido Hubner eilte gebückt zum Helikopter und öffnete die Tür. „Willkommen Mister Brighton. Schön, Sie wieder bei uns begrüßen zu können. Hatten Sie einen guten Flug?“

 

„Gut. Danke! Was macht die neue Anlage?“

 

„Die Solaranlage ist im vergangenen Monat ans Netz gegangen“, schrie Guido Hubner gegen das Geräusch der runterfahrenden Turbinen.

 

Brighton sprang aus der Kabine und landete mit einem Ausfallschritt auf dem staubigen Boden. Dann zog er sein dunkelblaues Jackett über. Beim Verlassen des Landeplatzes legte er Hubner, wie unter alten Freunden, die rechte Hand auf die Schulter.

 

„Prima, das ist gut. Lassen Sie uns die Anlage gleich ansehen. Außerdem habe ich von den letzten Entdeckungen gehört. Da möchte ich mehr drüber erfahren.“ Brighton verlor keine Zeit. Die beiden Männer entfern­ten sich vom Helikopter und Brighton begrüßte die wartenden Wissen­schaftler und Ingenieure mit Handschlag und wechselte ein paar Worte mit ihnen. Brighton gab Richard einen festen Händedruck und erkundigte sich nach seinen Forschungsschwerpunkten. „Ich werde in den kommen­den Wochen mein Modell zur Planetenbildung aus einer protoplane­tarischen Scheibe als Nachweismethode für erdähnliche Planeten in bereits entdeckten Exoplaneten-Systemen weiterentwickeln“, erklärte Richard.

 

„Du arbeitest mit dem PRIMA-System?“ Richard nickte. „Hervor­ragende Datenquelle für die Bewegungsparameter. Bessere Daten bekommst Du nirgends sonst.“

 

Richard war überrascht. „Ich weiß. Aus den ermittelten Bewegungspara­metern und einer Simulation der Planetenformationsprozesse will ich Rückschlüsse auf die Wahrscheinlichkeit erdähnlicher Planeten ziehen.“

 

„Spannend. Viel Erfolg“, antwortete Brighton. „Welche Pläne hast Du nach dem Abschluss Deiner Arbeit?“

 

Richard schluckte. War das nur eine Höflichkeitsfloskel? „Ich träume von einer Post-Doc Stelle. Am Observatorium oder beim MPI. Ist aber schwer, dort unterzukommen.“

 

„Wir sollten dann unbedingt miteinander sprechen…“ Brighton verabschiedete sich und ließ Richard staunend zurück.

 

Das klang wie ein Angebot. Wahrscheinlich bildete er sich das aber nur ein. Sie kannten sich doch erst wenige Augenblicke.

 

Dann steuerten Brighton und Hubner auf das Verwaltungsgebäude zu, während sich die anderen in Richtung Kasino in Bewegung setzten.

 

„Carlotta, warte bitte! Wer ist dieser Mann? Der ist doch kein Wissenschaftler. Warum kennt er sich so gut aus?“

 

Carlotta strahlte. „Der ist klasse.“ Sie machte eine Pause und ihre Augen glänzten. Dann sah sie Richard wieder an. „Ich kenne ihn seit einem Jahr. Damals kam er auch mit dem Heli.“

 

„Nun sag’ schon, was will er hier? Und was macht er, wenn er sich nicht für unsere Arbeit interessiert?“, bohrte Richard.

 

„Brighton“, fuhr Carlotta endlich fort, „ist ein sehr erfolgreicher Unter­nehmer. Ich glaube, er gehört zu den fünf reichsten Amerikanern. Früher hatte er mehrere Firmen. Vor einigen Jahren hat er sich aber ganz aus dem Geschäft zurückgezogen. Und gibt sein Geld für viele gute Projekte aus.“

 

„Auch für das Paranal?“, folgerte Richard.

 

„Richtig. Auch für das Paranal. Insbesondere für Paul und seine Exoplaneten-Forschung. Und noch einige andere Projekte. Die Solaranlage. Hast Du die schon gesehen?“

 

„Ist ja kaum zu übersehen“, antwortete Richard. „Aber sag‘ mal, Ihr braucht doch sicher riesige Batterien?“

 

Carlotta nickte „Wir können fast zwei Drittel unseres Stromverbrauchs decken.“

 

„Das rechnet sich aber nicht wirklich“, grinste Richard provozierend.

 

„Natürlich nicht. Es wäre selbst hier oben viel ökonomischer, einen Generator zu betreiben oder den Strom aus dem Netz zu beziehen.“ Carlotta deutete auf die Gasturbine hinter einer der Hallen. „Weil wir den Großteil nachts benötigen. Aber es war Brightons Idee, diese Anlage zu installieren. Man braucht schon eine gehörige Portion Idealismus dafür. Aber ich finde es wichtig, dass es Menschen gibt, die nicht alles dem Profit unterordnen.“

 

Richard nickte stumm und sah sich noch einmal zum Helikopter um.

 

„Ich glaube, fast jeder hier oben profitiert in irgendeiner Weise von Brighton“, fuhr Carlotta nach einer Weile fort.

 

„Er ist sehr fokussiert. Und verliert keine Zeit“, stellte Richard fest. „Und dabei ist er ganz natürlich. Solche Leute habe ich mir immer ganz anders vorgestellt.“

 

„Da hast Du recht“, stimmte Carlotta zu. „Sein Äußeres passt zu einem Industriellen, aber er ist eigentlich ein ganz einfacher und natürlicher Mann. Der wirtschaftliche Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Vielleicht treffen wir ihn später noch beim Essen. Dann wirst Du ihn sicher noch näher kennenlernen.“

 

„Carlotta, Du hast gesagt, er hatte eine Menge Firmen“, erkundigte sich Richard. „Hat er sie aufgegeben?“

 

„Das ist eine traurige Geschichte.“ Carlotta zögerte. „Er hat vor Jahren seine Familie verloren.“ Ihr Blick senkte sich. „Eine schreckliche Katas­trophe. Er war gerade zum Unternehmer des Jahres gewählt worden. Wahrscheinlich der Höhepunkt seines unternehmerischen Erfolges. Und dann dieser Schicksalsschlag.“

 

„Was war das für eine Katastrophe?“, ermunterte Richard sie, weiterzu­sprechen. Sie waren mittlerweile die Einzigen in der Nähe des Helikopters. Der Pilot im Cockpit ging eine Checkliste durch und bemerkte sie nicht.

 

„Du hast doch sicher von diesem schrecklichen Erdrutsch in Kalifornien gehört. In der Nähe von Santa Barbara. Fast 200 Menschen sind dabei ums Leben gekommen.“ Carlottas Stimme wurde heiser. „Auch seine Frau und seine drei Kinder.“

 

Richard schluckte. Lange starrte er wortlos auf den Piloten im Helikopter. „Danach änderte Brighton sein Leben radikal. Er verkaufte alle seine Firmen und lebte schließlich ganz zurückgezogen. Die Geschichte war damals in allen Magazinen zu lesen. Erinnerst Du Dich nicht?“

 

„Nein, so was habe ich nicht verfolgt.“

 

„Mit seinem Vermögen hat er eine Stiftung gegründet, die wissenschaft­liche Einrichtungen und Projekte fördert.“ Carlotta trocknete ihre Augen und sprach mit belegter Stimme weiter.

 

„Wir hatten das große Glück, dass er sich sehr für Astronomie und die Fragen des Lebens interessiert. Paul hat mir einmal erzählt, wie er Brighton kennengelernt hat. Er war fasziniert davon, wie weit wir mit den Instrumenten in die Tiefen des Weltraumes blicken können. Und unglaubliche Dinge entdecken. Und manchmal auch beunruhigen­de.“

8. Merritt Island (Florida, USA) – 14. September, 10:11 Uhr Ortszeit

 

Eine leichte Brise blies die salzige Luft vom Atlantik landeinwärts. Die Sonne stand hoch am Himmel. Nur wenige Wolken durchquerten das perfekte Blau. Ein idealer Tag. Seltene Wasservögel und Amphibien tummelten sich in den Sümpfen des Merritt Island National Wildlife Refuge, einer Insel zwischen Indian und Banana River an der Ostküste Floridas. Der Jetty Park an der Nordost-Spitze einer langgezogenen Insel im Südosten von Merrit Island bildete die perfekte Location für diesen sonnigen Spätsommermorgen. Im Park hatten sich bereits einige hundert Menschen versammelt. Es waren aber deutlich weniger als üblicherweise bei einem Start. Die Besucher hatten sich auf Campingstühlen oder anderen Sitzgelegenheiten niedergelassen. Einige Familien saßen auf wasserabweisenden Decken und machten sich über ein mitgebrachtes Picknick her. Am Zugang zum Strand hatten professionelle Beobachter ihre Fernrohre auf Stative positioniert. Alle warteten auf den Start der Rakete. Die Startrampe des Kennedy Space Center auf Cape Canaveral war in mehreren Kilometer Entfernung nur zu erahnen. Der nördliche Teil der vorgelagerten Inseln an der Ostküste Floridas umfasste ein gewaltiges Areal, das sich durch seine Nähe zum Äquator besonders für Raketenstarts eignete.

 

Auch Edward Russel war an diesem Tag mit seiner Frau und den beiden Kindern gekommen, um den Start der Delta IV Rakete vom Jetty Park aus zu verfolgen. Um sechs Uhr morgens waren sie in Tampa aufge­brochen und hatten die zweieinhalbstündige Fahrt ohne die erwarteten Staus hinter sich gebracht. Von diesem Raketenstart hatte er erst vor wenigen Tagen von einem ehemaligen Arbeits­kollegen erfahren, der seit kurzem bei der NASA arbeitete.

 

Der Start der Rakete war für 10:23 Uhr angekündigt. Das war zumindest die Information, die sich unter den Wartenden herumgesprochen hatte. Im Internet und der Lokalpresse war nichts zu lesen gewesen. Normaler­weise berichtete die Presse immer über derartige Ereignisse, die sich dann regelmäßig zu einem Besuchermagnet entwickelten. Umso mehr freute er sich über den Geheimtipp. Wahr­scheinlich ein geheimer Militär- oder Spionage-Satellit. Der kostet uns Steuerzahler wieder eine knappe Milliarde Dollar. Und die Zeitungen werden in einem Zweizeiler vom erfolgreichen Start eines Nachrichten­satelliten berichten. Das ist vermutlich der Preis unserer Freiheit.

 

Mit Näherrücken der angekündigten Startzeit drängten die Besucher im Park dichter an die Küstenlinie heran. Wenige hundert Meter nördlich lag die Cape Canaveral Airforce Station mit den Startrampen, die sich entlang der Küste nach Norden erstreckten. Edward Russel verweilte mit seiner Familie im Park und sie verzehrten Bagels und heißen Kaffee aus der Thermoskanne. Die Kinder stellten bohrende Fragen über Raumfahrt, den Weltraum und die Sterne. Als der Zeiger an Russels Armbanduhr auf 23 Minuten nach zehn sprang kündigte eine leuchtende Wolke von Gas und Wasser, das zur Dämpfung der zerstörerischen Schallwellen beim Start auf die Unterseite der Rakete gesprüht wurde, das Zünden der Triebwerke an. Die mehr als 1.000 Tonnen schwere Delta IV Heavy Rakete mit sieben gebündelten Zusatztriebwerken erhob sich wie in Zeitlupe von ihrer Startrampe. Als eine der stärksten derzeit verfügbaren Raketen war sie in der Lage, eine Nutzlast von mehr als vier Tonnen in einen geostationären Orbit zu bringen. Wenige Sekunden nach dem Zünden der Triebwerke hatte sich die Delta IV bereits über den Turm der Startrampe mit der Bezeichnung 37B, von der aus auch der erste Start eines unbemannten Apollo-Mondlandemoduls erfolgt war, erhoben.

 

Was für ein Start. Die Kinder jubelten und sprangen in die Luft. Der ohrenbetäubende Lärm der Triebwerke drang als dumpfes Grollen zu dem gut acht Kilometer entfernten Jetty Park und schwoll immer weiter an, als die Rakete höher in den Himmel stieg. Der Feuerschweif, den die Booster-Triebwerke durch die Wasserstoffverbrennung erzeugten, über­strahlte das Licht der Sonne. Der Weg der Rakete durch die Atmosphäre wurde von einer hellweißen Wolke aus dem Kondensat der Triebwerke nachgezeichnet.

 

Nach einigen Minuten – von der Rakete war nur noch das Triebwerk als Feuerpunkt an der Spitze des Kondenskegels zu erkennen – geriet das Feuer der Triebwerke ins Stocken. Die Zündung der nächsten Stufe, dachte Russel. Doch in den folgenden Augenblicken tat sich nichts weiter. Sekundenbruchteile später war ein kleiner Feuerball zu erkennen. Oh mein Gott, schoss es Russel durch den Kopf. Seine Befürchtungen bestätigten sich nur einen Wimpernschlag später. Der Feuerball war angeschwollen und hatte einen Großteil der Rakete erfasst. Im nächsten Moment wurde die gesamte Erststufe der Delta IV durch eine heftige Explosion zerrissen. Eine riesige Wolke aus kondensiertem Wasser als Abfallprodukt der Wasserstoffexplosion bildete sich am Himmel. Trümmer barsten auseinander wie bei einem riesigen Feuerwerkskörper. Teile der Rakete rasten aus der Wolke heraus. Die großen Bruchstücke zogen auf ihrem Weg durch die Atmosphäre eigene Kondensstreifen hinter sich her, bis sie schließlich von der Schwerkraft gezogen zurück auf die Erde rasten und auf einer Fläche von mehreren hundert Quadrat­kilometern im Atlantik niederregneten.

 

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